Interessensausgleich ist unsere hohe Kunst

13. January 2019
Autor: Dominik Kraatz

Unser nächster Interviewpartner ist Matthias Pfeifer, geschäftsführender Gesellschafter bei RKW Architektur+ in Düsseldorf. Das weltweit agierende Unternehmen zählt zu den Vorreitern des digitalen Planen und Bauens und mit seinen rund 350 Mitarbeitern zu den größten Architekturbüros Deutschlands. Im August hat Matthias Pfeifer einen spannenden Vortrag zum Thema „Welche Verantwortung haben unsere Bilder?“ im Rahmen des 11. AMM-Symposiums „Digital Model Making“ an der Hochschule Bochum gehalten. Das hat unser Interesse geweckt, noch einmal etwas genauer nachzufragen...    

Was hat Sie damals dazu bewegt, Architekt zu werden?

Ich habe immer nach einer Verbindung zwischen Technik und Kunst gesucht. Einerseits wollte ich gestalten, andererseits konstruieren. Diese beiden Themen haben mich immer schon interessiert. Es gibt aber nur zwei Berufe die das verbinden: Architekt oder Designer. Ich habe mich für den Architekten entschieden. Später kam als Bereicherung auch noch die gesellschaftliche Komponente des Themas Architektur hinzu. Die ist auch deshalb so spannend geworden, weil ich halt bei RKW arbeite und so natürlich schon sehr früh in die Welt der großen Projekte kam. Die großen Projekte stehen ja nicht nur für sich selbst oder für den Bauherrn, sondern sie haben immer auch eine Relevanz für die Kommune in der sie stehen. Und unsere Projekte sind in diesem Kontext volumenmäßig sehr oft die größten, die dort in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Deswegen haben sie eine sehr hohe Relevanz.

Welche Philosophie vertreten Sie mit Ihrem Büro?

Es gibt immer verschiedene Sichtweisen auf ein Projekt: Es gibt die Sichtweise der unmittelbaren Gesellschaft auf eine Situation und es gibt die Sichtweise des Bauherrn der letztendlich die Sache bezahlt. Unterschiedliche Interessenslagen zu moderieren, also zumindest weitestgehend eine Deckungsgleichheit zu erreichen, das ist meiner Ansicht nach eine hohe Kunst die wir ziemlich gut beherrschen.

Was ist das Besondere an Ihren Entwürfen, und was unterscheidet Sie von anderen Architekten?

Wir nehmen uns bei dem ganzen Handeln und Planen nicht zu wichtig. Für uns ist es viel wesentlicher, eine Situation erstmal zu verstehen – gerade vor dem Hintergrund einer Ambivalenz der Interessen. Dabei können wir uns selbst relativ weit zurücknehmen. Das macht sicherlich auch einen Teil unseres Erfolges aus. Einerseits fühlen sich die Bauherren so verstanden, denn wir nehmen ihre Interessen ernst. Aber ebenso beachten wir auch die gesellschaftlichen Interessen die an uns herangetragen werden. Manchmal muss man diese auch selber herausfiltern und ehrlich gesagt auch ein bisschen die Spreu vom Weizen trennen. Natürlich kann man nicht auf jeden Zuruf reagieren, wenn jemand meint, etwas müsse jetzt verwirklicht werden. Vielmehr suchen wir einen möglichen Weg. Und das ist schon ein bisschen anstrengender als nur einen Zuruf zu verfolgen. Es geht dabei nicht um unsere Philosophie. Vielmehr geht es um räumliche Bedürfnisse in der verorteten Situation, in der wir planen. Dort müssen wir eben die Defizite aufdecken. Auf Bürgerveranstaltung wird dabei sehr viel über Partikularinteressen gesprochen. Aber wir müssen herausfinden, wo der Schuh wirklich drückt. Wir hören den Bürgern und den Politikern sehr gut zu, aber wir spielen natürlich schon auch unsere Erfahrung ein. Wenn man in einer Kommune tätig ist, in der er es oft um sehr große Projekte geht, dann ist das für die Beteiligten häufig sehr groß und einmalig. Für uns ist das natürlich ein bisschen anders, weil wir das im Grunde genommen jeden Tag machen. Das heißt, wir setzen an ganz vielen Orten große Projekte um und haben da natürlich einen sehr umfangreichen Werkzeugkasten parat, mit dem man viele Probleme auch lösen kann.

Prämierter Entwurf für die Neugestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes in Düsseldorf (Bild: RKW Architektur+)

Wie läuft denn bei der Umsetzung Ihrer Projekte die Kommunikation ab?

Projekte rufen aufgrund ihrer Bedeutung immer eine Reaktion, eine öffentliche Auseinandersetzung hervor. Der Ablauf ist der: Ein Projekt kommt beispielsweise durch einen Wettbewerb zustande, das ist häufig der Fall. Alleine in diesem Wettbewerbsverfahren steckt schon sehr viel Öffentlichkeit, die vor der endgültigen Entscheidung oft schon mit eingebunden wird. Häufig entscheidet dann aber ausschließlich eine Architektenjury, bevor die Öffentlichkeit überhaupt ins Spiel kommt. Die Kommunen müssen dann das Juryurteil sozusagen vollstrecken. Deswegen finde ich es sinnvoll die Öffentlichkeit schon in früheren Phasen einzubinden. So lässt sich der mögliche Weg am besten herausarbeiten. Zudem schätze ich es, nach der Entscheidung Beiräte einzubinden. Mit diesen Gruppen kann man Dinge einfach konkret diskutieren. Das ist deutlich erfolgversprechender als reine Bürgerveranstaltungen. Daran nehmen ja häufig eher die Gegner eines Projektes teil, die Befürworter viel weniger. In einem Beirat sind die Leute viel mehr in der Verpflichtung konstruktiv mitzuarbeiten. Dieses Verfahren ist aber noch nicht ganz so verbreitet.

Wie steigen Sie dann in die konkrete Projektarbeit ein?

Im Laufe der Jahrzehnte ist RKW stark gewachsen, deswegen decken wir gedanklich heute auch eine sehr große Bandbreite ab. Inzwischen realisieren wir praktisch alle Arten von Projekten. Die Arbeitsweise, vor allem bei der Umsetzung von Projekten auf kommunaler Ebene, ist jedoch gleichgeblieben. Vor allem haben wir es heute sowohl auf kommunaler als auch unternehmerischer Ebene kaum noch mit einem einzelnen Bauherrn zu tun, vielmehr mit Gremien. Diesen bieten wir zum Beispiel Workshops als eine besondere Leistung jenseits unserer normalen Architektenleistung an. Dabei filtern wir zunächst heraus, was unsere Kunden eigentlich brauchen. In aller Regel wollen sie ein Werkzeug haben, mit dem sie ihren eigenen geschäftlichen Erfolg letztlich voranbringen. Gemeinsam analysieren wir, wie das Werkzeug beschaffen sein muss, damit das Ziel optimal erreicht werden kann. Das ist eine Aufgabe, die könnte man einfach dem Bauherrn zuschieben. Damit ist mancher dann aber doch überfordert.

Mit welchen Herausforderungen haben Architekten heutzutage zu kämpfen?

Eine Herausforderung ist immer Geld versus Qualität, das ist ein alter Hut. Eines hat sich mit der Zeit aber sehr verändert: Die Anforderungen an die Architekten sind sehr deutlich gestiegen. Das heißt, die Genauigkeit der Planung vor dem eigentlichen Baubeginn hat enorm zugenommen. Die Ansprüche der Bürger sind ebenfalls sehr deutlich gestiegen: Die Bürger sind heute viel weniger bereit, einen individuellen Nachteil in Kauf zu nehmen, selbst wenn er für ihre individuelle Gesellschaft einen Vorteil darstellen würde. Unsere Rechtsprechung hat sich ja auch dahingehend entwickelt, dass diese Individualrechte sehr stark betont werden.

Vor diesem Hintergrund steigt auch die Anforderung an Transparenz ständig. Zum einen geht es um eine technische Transparenz im Hinblick auf die Genauigkeit der Planung. Es geht aber auch um eine Transparenz gegenüber der Bürgerschaft, denen es Projekte zu vermitteln und zu zeigen gilt. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum RKW sich als eines der führenden Büros dem BIM verschrieben hat, also dem Building Information Modeling. Da sind wir jetzt seit drei Jahren voll eingestiegen, und bei uns wird nur noch 3D geplant. Soweit die Partner mitgehen, stellen wir auch nur noch echte BIM-Lösungen vor. Damit wollen wir uns für die Zukunft, die auf allen Ebenen nach Transparenz verlangt, möglichst gut aufstellen. BIM ist eben eine Methode, um wirklich Durchblick zu bekommen.

Forum Hanau in Hanau (Foto: Marcus-Schwier)

Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?

Mein Rat lautet: Hab keine Scheu, dich in diesen Prozess wie ich ihn geschildert habe, von Anfang an aktiv und wollend einzubringen. Das heißt, junge Menschen sollten insbesondere selbständig eine Haltung zu allem was man tut entwickeln. Zu jedem Strich den man zeichnet und zu jedem Modell das man baut. Man sollte sich fragen: Warum ist das gut, und warum ist das schlecht. Dabei sind immer alle Kriterien gleichmäßig zu betrachten: Sieht es gut aus? Ist es technisch richtig? Ist es sicher? Ist es wirtschaftlich? Sind die verschiedenen Interessen ausgewogen? Und diese Überlegungen müssen auf jeder Ebene bis ins kleinste Detail stattfinden. Sich ständig dieser Gesamtverantwortung bewusst zu sein, das ist sozusagen die mentale Aufgabe. Und dann sollte man eben kämpfen und streiten für das, was man für richtig hält. Umgekehrt sollte man aber dann auch nachgeben können und erkennen, wenn jemand einfach die schlauere Idee hatte. Das fällt den jungen Architekten übrigens nicht so schwer. Meiner Meinung nach fällt es ihnen heute schwerer, selbst eine aktive Denkrolle einzunehmen. Sie sind etwas brav geworden.

Mein zweiter Rat heißt: Übt trotz aller neuen Technologien bitte ein wenig mit der Hand zu zeichnen! Das Handzeichnen unterstützt einfach das Denken in ganz enormer Weise. Und ich bin wirklich froh und glücklich darüber, dass ich jeden Tag irgendetwas zeichnen darf. Ich liebe es, irgendetwas zu veranschaulichen und so vom Hirn über den Arm in den Stift und vom Stift ins Bild und vom Auge wieder ins Hirn fließen zu lassen – dieser Kreislauf ist einfach wunderbar. Und das ist auch etwas, was ich am meisten an meinem Beruf schätze, und auch nicht missen möchte.    


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