Gute Architektur wirkt und eckt an

08. January 2019
Autor: Dominik Kraatz

Interview mit Thomas Stark von Stark-Design

Mit Stark Design starten wir eine Interviewreihe mit spannenden Architekten. Das renommierte Bochumer Büro hat unter anderem einen ehemaligen und unattraktiven Luftschutzbunker am Bochumer Springerplatz zu dem kontroversen Designobjekt „Zentralmassiv“ umgebaut. Im Gespräch mit Inzept3D verrät Geschäftsführer Thomas Stark seine Motivation, Philosophie und Entwicklung.    

Was hat dich damals dazu bewegt Architekt zu werden?

Als ich 18 Jahre alt war, habe ich den Kinofilm 9 ½ Wochen mit Mickey Rourke und Kim Basinger gesehen. Der Streifen hat mich sehr beeindruckt, denn er zeigt, wie man mit Architektur und Innenarchitektur Menschen in einem positiven Sinne steuern und lenken kann. In einer Szene betritt Mickey Rourke zum ersten Mal gemeinsam mit dieser besagten Dame sein Apartment in New York. Es ist spannend zu beobachten, wie sie sich dort verhält. Sie hat noch niemals zuvor ein so durchgestyltes Apartment betreten. Das ist ein spannendes Beispiel dafür, wie Architektur oder Innenarchitektur auf Menschen wirkt. Ich fand es faszinierend, dass man einen solchen Effekt erreichen kann.

Welche Philosophie vertrittst du mit deinem Büro?

Ein berühmtes Blatt von Coop Himmelb(l)au bringt es auf den Punkt: Wenn Architektur gut sein soll, dann muss sie so heiß wie ein Flammenflügel und so kalt wie ein Eisblock sein. Dabei trifft man hier und da auch mal eine unpopuläre Entscheidung. Es darf also keine Gefälligkeitsarchitektur entstehen, sondern man darf sich auch ein bisschen an ihr reiben. Der Bunker, das Zentralmassiv, ist ein gutes Beispiel dafür. Wir haben sehr viel Kritik dafür eingesteckt, weil er sich nun so gar nicht einfügt und sehr dominant ist. Wir haben den Entwurf trotzdem umgesetzt und gesagt: Das muss man aushalten. Es ist wichtig, nicht immer und gegenüber jedem einzuknicken – weder gegenüber dem Bauherrn noch gegenüber Behörden.

Was ist das Besondere an euren Entwürfen, und was unterscheidet euch von anderen Architekten?

Wir sind in erster Linie Dienstleister und schauen, ob wir dem Kunden eine tragfähige Lösung anbieten können. Wir erfüllen also als erstes die Pflicht. Und wenn wir unserem Kunden auch noch die Kür schmackhaft machen können, dann ist das unsere Besonderheit. Der Kunde muss bereit sein, über das normale Maß hinaus weiterzugehen. Dann zeigen wir ihm auf, in welche Richtung das gehen könnte und was das bewirkt. Wenn es ein Industrie- oder Gewerbekunde ist, muss man sich natürlich zuvor auch mit seiner Unternehmung beschäftigen und ihm eine individuelle Lösung bieten. Diese muss ihn davon überzeugen, mehr zu investieren und länger und tiefer über Architektur nachzudenken als bisher.

Wie bist du dahin gekommen, wo du heute mit deinem Büro stehst?  

Man muss seine Kunden lange und gut kennen, bevor man sie mit zu viel Willkür und Eigenverliebtheit überrennt. Es geht weniger darum, sich selbst darzustellen und sich etwas Gutes zu tun. Vielmehr sind wir diejenigen, die anderen etwas Gutes tun wollen. Wir holen den Menschen da ab wo er steht und versuchen, ihn ein Stück auf dem Architekturpfad mitzunehmen.    

Wo siehst du denn genau dein Büro in Zukunft?

Wenn mir der Markt das Steuern gestattet, dann würde ich das Büro zu Industrie- und Gewerbekunden steuern. Private Bauvorhaben sind fürs Überleben zu riskant. Es ist für uns spannender, über viele Jahre für Gewerbekunden zu arbeiten. Dabei kann man die Kunden entwickeln, es entstehen unterschiedlichste Aufgaben und häufig steigt auch die Größe der Projekte mit zunehmender Dauer der Geschäftsbeziehung an.

Zentralmassiv Bochum (Foto: Stark-Design)

Wie gehst du mit deinen Klienten um, und wie läuft bei euch im Büro die Klientenkommunikation ab?

Aufträge kommen ja meistens durch Empfehlungen oder die Wahrnehmung eines Bauherrn zustande. Dann läuft die Kommunikation zunächst über mich. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass das Büro unter meinem Namen läuft und man von mir auch erwartet, dass ich dort präsent bin. Grundsätzlich läuft die Kommunikation sehr persönlich ab. Man lernt sich erst einmal kennen und schaut, ob man zueinander passt. Wenn die Chemie stimmt, bin ich immer dafür, zunächst mit einem kleineren Projekt und nicht direkt mit einem Bürogebäude zu starten.  

Wie zeigst du deine Entwürfe dem Bauherrn?

Meistens natürlich inzwischen direkt am iMac, häufig auch über das iPad. Direkt am Mac löst man mit einem kleinen 3D-virtuellen Rundgang fast eine Werkstattatmosphäre aus. Bei der Präsentation beim Kunden selber haben wir aber häufig auch einen Stick dabei und zeigen die Entwürfe mal auf der Wand.

Welche Programme verwendet ihr für die Erstellung der Entwürfe?

Wir sind ArchiCAD-Verfechter und verwenden das Programm seit 1994. Das hat sich bei uns bewährt und nach mehr als 20 Jahren wird der Umstieg auch immer schwieriger. Dann arbeiten wir mit den typischen Programmen wie Photoshop, haben auch mal Artlantis Render benutzt.

Zugegeben bin ich selber gar nicht mehr in der Lage ein ganzes Haus oder Gebäude zu zeichnen, weil ich im Grunde nur noch administrativ und kommunikativ für das Büro unterwegs bin. Ich zeichne nicht, das machen die Kollegen. Sie lassen sich in Dortmund bei GRAPHISOFT immer wieder auf jedes Update schulen.

Als wie gut beurteilst du die aktuell verfügbare Software und was würdest du dir in der Zukunft von Architektur-Software wünschen?

Wir kommen sehr gut damit klar und sind zufrieden. Wir wünschen uns in einigen Bereichen natürlich immer mal ein paar Nachbesserungen, haben allerdings im Berufsalltag nicht immer die Zeit und das Budget alles bis zum Letzten zu rendern. Das ist im Grunde eine Sonderleistung. Insofern ist für uns die CAD-Software in erster Linie Handwerkszeug. Zusatzfunktionen wie Rendering sind gut, aber für die Büros in unserer Liga nicht das alles Entscheidende.

Insgesamt brauchen wir eine bessere Vernetzung, beispielsweise beim 3D-basierten Planen eine bessere Einbindungsmöglichkeit von Oberflächen und Materialien. Ganz sicherlich sind auch virtuelle Rundgänge in 3D, so wie es sie heute schon gibt, ein Thema. Und natürlich ist auch die Vernetzung mit anderen Fachingenieuren wichtig. Dabei steht vor allem der Datenaustausch im Vordergrund, auch der Austausch 3D-basierter Dateien.

Zentralmassiv Bochum von Stark DesignInzept3D »

Mit welchen Herausforderungen haben Architekten heutzutage zu kämpfen?

Wir bauen heutzutage viel zu komplex auf, so dass wir fast nicht mehr zum Bauen kommen. Daran ist in Gänze auch der Berliner Flughafen BER gescheitert. Hier ist das renommierte Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner nicht mehr federführend tätig gewesen, sondern in einer Krake von Vorschriften, Interessen und Überlagerungen untergegangen. Dabei haben sie seinerzeit für den Flughafen Tegel Architekturpreise gewonnen – und der ist noch in Betrieb. Was für eine frustrierende Erfahrung! Und das ist die große Gefahr bei großen Projekten. Wir erleben gerade selber an einem größeren Vorhaben, dass das Bauen zu komplex wird. Wir zählen bestimmt weltweit gesehen nicht zu den besten Bauenden, aber auch wir müssen aufpassen, dass wir nicht im Wust der Vorschriften und Gutachten untergehen und so gar nicht mehr dazu kommen, uns um das Wesentliche zu kümmern.

Wie wird sich deiner Meinung nach die Architekturbranche in Zukunft gestalten?

Die Branche wird sich internationalisieren. Das deutsche Ingenieurs-Know-how ist dabei meiner Ansicht nach sehr gefragt. Es wird weiterhin so sein, dass einige hundert Mann starke Büros die großen Aufträge bekommen. Die kleineren Büros wie wir müssen schauen, dass sie weiterhin den Kopf über Wasser halten und sich mit soliden, guten Projekten präsentieren können.

Zum Abschluss: Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Der Ratschlag lautet: Reduziere deine Eitelkeit auf ein gesundes Maß. Und das fällt am Anfang so besonders schwer, weil man ja am Anfang so besonders von sich überzeugt ist. Ich würde außerdem sagen: Nimm den Berufs- und Baualltag gelassener und mach irgendwann deinen Frieden mit dir selbst über verlorene Projekte und verlorene Wettbewerbe, das ist ganz wichtig.


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