Die Fähigkeit zur Synthese ist unser Alleinstellungsmerkmal

26. February 2019
Autor: Sascha Sohn

Für das dritte Interview unserer Reihe "Stil" haben wir uns mit dem international tätigen Architekten Erhard An-He Kinzelbach getroffen. Kinzelbach ist Professor für Entwerfen und Baukonstruktion an der Hochschule Bochum und betreibt gleichzeitig sein eigenes, renommiertes Büro - KNOWSPACE in Berlin. Bei einem entspannten Bier verrät er, wie sich Architekten in einem Umfeld der zunehmenden Spezialisierung heute positionieren können und woraus er seine Inspiration schöpft.

Was hat dich dazu bewegt, Architekt zu werden?

Im Grunde hatte ich biografisch in meiner Kindheit überhaupt keine Berührung mit der Architektur. Den ersten Kontakt habe ich über ein zweiwöchiges Schülerpraktikum bei einem Architekten in Kassel hergestellt. Das hat mein Interesse geweckt. Später faszinierte mich dann die Kombination aus dem Technisch-Naturwissenschaftlichen und dem Musisch-Künstlerischen. Beide Richtungen haben mich schon während der Schulzeit sehr interessiert.

Wie lassen sich für dich aktuell die Lehre und die Arbeit für dein eigenes Büro vereinbaren?

Es ist natürlich immer eine zeitliche Herausforderung. Vor allem, wenn man im Büro Einzelkämpfer ist und keine Büropartner hat. Trotzdem betrachte ich beide Tätigkeiten von Anfang an stets als zwei Seiten der gleichen Medaille. Ich habe eigentlich schon immer gleichzeitig unterrichtet und praktiziert. Natürlich nimmt mal das eine und mal das andere etwas mehr Zeit in Anspruch, das wechselt. An der Kombination schätze ich aber, dass sich beide Tätigkeiten gegenseitig extrem befruchten: Der Unterricht an der Universität erhält Praxisnähe, und anders herum bringt einen die konzeptionelle Auseinandersetzung in der Lehre auch im Praxisalltag weiter. Routine stellt sich da nicht ein, weil man immer neue Impulse erhält. Nicht selten lerne ich als Lehrender in der Beschäftigung mit meinen Studentinnen und Studenten selbst Neues dazu.

Welche Philosophie vertrittst du mit deinem Büro?

Wir nehmen die große Verantwortung wahr, einen Teil unserer Umwelt baukulturell zu gestalten. Reizvoll ist dabei das Spannungsfeld zwischen dem prototypischen Arbeiten und der Spezifizität des Ortes. Bei unseren Projekten beginnen wir oftmals eher beim Typus und schauen dann, wie sich der Prototyp an einen spezifischen Ort anpasst und dabei auch verändert. Das ist ein etwas anderes Vorgehen als das, was ich in meinem eigenen Architekturstudium in Deutschland mitbekommen habe. Da war der Ort immer das erste und wichtigste. Im Laufe meiner eigenen Praxis habe ich dann festgestellt, dass es eigentlich auch ganz interessant ist, auf der anderen Seite zu beginnen.

Du bist mit deinem Büro ja auch international tätig. In welchen Ländern hast du schon gebaut?

Ein erstes kleines Projekt haben wir in China umgesetzt. Das war ein Pavillon in einem Architekturpark, der von dem Künstler Ai Weiwei kuratiert wurde. Darauf baute schließlich alles andere auf. Dann habe ich einige größere Projekte in Österreich realisiert, aber auch immer mal wieder kleinere Projekte in China. Seit ich in Deutschland bin, praktiziere ich auch hier. Bislang habe ich also unter eigener Fahne im wesentlichen in Europa und in China gearbeitet. Hinzu kommt Büropraxis mit Entwurfs- und Bauprojekten in Amerika, Europa und Asien.

CHEGS Campus in Baoding, China (Visualisierungen: KNOWSPACE, Foto: Lv Hengzhong)

Was ist das Besondere an deinen Entwürfen?

Für mich selbst ist letztlich jeder Entwurf besonders. Als relativ kleines Büro produzieren wir nun mal keine Bauten am Fließband und haben eine sehr enge Beziehung zu jedem unserer Projekte. Sie sind wie eigene Kinder, wenn man so möchte. Ich finde diese Beziehung zu der Arbeit auch sehr wichtig. Wenn man einen wirklich engen Kontakt zu dem Prozess eines Projektes haben möchte, kann man nicht mehr als ein bis drei davon gleichzeitig umsetzen. Je nach Größe beansprucht ein einzelnes Bauvorhaben bis zur Fertigstellung ja schon ein paar Jahre. So gesehen kann man auf diese Art als Architekt in seiner Laufbahn nur eine begrenzte Anzahl an Projekten realisieren, folgerichtig muss jedes davon wirklich gut werden.

Du arbeitest alleine, holst für Projekte aber unterstützende Teams hinzu?

Ja, und das hat sicherlich auch mit dem wiederholten Umziehen des Büros zu tun. Faktisch fängt man an jedem neuen Ort wieder von Null an, denn Bauen ist letztlich sehr lokal. So muss man notwendigerweise mit lokalen Partnern zusammenarbeiten. Gleichzeitig ist dies an verschiedenen Orten aber immer auch sehr prägend und essentiell für die Qualität der Projekte gewesen. In der Zusammenarbeit mit lokalen Partnern sind Dinge entstanden, die ohne diese Partnerschaften zumindest nicht so zustande gekommen wären.

Welche Programme verwendest du für die Erstellung deiner Entwürfe?

Das hat sich über die Jahre sehr verändert. Während meines Studiums an der Columbia University in New York begann die Zeit der paperless studios. So wurde in der Lehre wirklich alles digital gemacht. Wir haben sehr viel dreidimensional und animiert mit Maya und 3ds Max gearbeitet. Das habe ich anfangs auch mit in die eigene Praxis übernommen.

CHEGS Campus von Erhard An-He KinzelbachInzept3D »

Was würdest du dir von Architektursoftware in Zukunft wünschen?

3D oder mittlerweile auch 5-7D ist natürlich schon ein sehr wichtiger Faktor, weil man dann viel unmittelbarer ist. Ich finde es sehr wichtig, dass man räumlich denkt und auch wirklich räumlich arbeitet. Früher hat man räumlich gedacht und dann zweidimensional gezeichnet. Seit meiner Ausbildungszeit hat sich da bis heute schon sehr viel getan, aber es könnte wahrscheinlich alles noch intuitiver sein.

Wie wird sich deiner Meinung nach die Architekturbranche in der Zukunft gestalten?

Aufgrund der zunehmenden Spezialisierung herrscht ein gewisser Pessimismus vor. Architekten befürchten, sowohl monetär als auch in Bezug auf die eigene Entscheidungsgewalt immer mehr vom Kuchen zu verlieren. Ihre Sorge ist es, zunehmend Einflussmöglichkeiten und letztlich auch Relevanz einzubüßen. Mittlerweile arbeiten ja in jedem komplexen Projekt zahlreiche Fachplaner, Projektsteurer etc., und jeder ist für seinen kleinen Bereich zuständig. Gleichzeitig haben sich auch die Honorarstrukturen verändert.

Ich würde das jetzt aber nicht so pessimistisch sehen. Sicherlich gibt man bestimmte Bereiche ab, aber vielleicht sind das auch nicht die interessantesten. Meiner Meinung nach sind wir als Architekten aufgrund unserer sehr generalistischen Ausbildung prädestiniert dazu, die Synthese herzustellen. Damit meine ich, dass wir Dinge zusammenbringen können, die zunächst einmal nicht unmittelbar miteinander zu tun haben. Das ist letztlich auch das Wesen des Entwerfens: Ich muss neue Zusammenhänge aus bereits vorhandenen Teilen synthetisieren. Auf einer anderen Ebene umfasst Synthese aber auch das Zusammenhalten der unterschiedlichen Prozesse und Akteure. Im besten Sinne übt der Architekt so auch die Tätigkeit eines Moderators oder Mediators aus: er muss die unterschiedlichen Gewerke und Akteure in einem Projekt zusammenführen und orchestrieren. Die Fähigkeit zur Synthese war immer schon eine unserer Kernkompetenzen und hat mittlerweile durchaus das Zeug um Alleinstellungsmerkmal. Das können viele Akteure am Bau gar nicht mehr.  

Was sind die Needs und Fears der Architekten heutzutage? Was sind ihre Bedürfnisse, und womit haben sie zu kämpfen?

Zu kämpfen hat man sicherlich erst einmal mit diesem gefühlten Verlust an Autorität, Relevanz und Teilhabe. Wir erleben auch das Problem, dass junge Architekten tatsächlich immer später in der Karriere wirklich Relevantes beitragen dürfen. Aufgrund der Struktur der Disziplin haben neue Ideen eigentlich nur indirekt wirklich einen Effekt. Das ist kein globales Problem, sondern eher spezifisch für Deutschland. Hier herrscht eine Überregulierung vor. Die bringt natürlich Vorteile wie Standardisierung mit sich, gleichzeitig lähmen zu viele Regularien aber jede Innovation erst einmal auch.

Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Falls ich das nicht schon beherzigt habe: Ich rate, sich treu und beharrlich zu bleiben. Man muss einen langen Atem haben. Das alleine reicht natürlich nicht, man sollte auch Kompetenz und Wissen entwickeln, denn alles was man tut muss selbstverständlich Substanz haben.

Was würdest du frischen Architekturstudenten raten, damit sie vielleicht bessere Architekten werden?

Ich würde Architekturstudenten raten, sich mehr den großen Themen zu öffnen und immer auch über den Tellerrand hinauszuschauen. Dabei sollte nicht das einzige Augenmerk sein, schnell und in Regelstudienzeit durch das Studium zu kommen. Heute wird alles möglichst schnell und effizient abgehandelt. Manchmal würde ich mir wünschen, dass Studierende das Studium als etwas mehr als bloß die reibungslose Berufsausbildung betrachten würden. Entdecken, Experimentieren und Ausprobieren kommen sonst zu kurz.


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(Porträtfoto: Lukas Palik)