Wir wollen Architektur professioneller abwickeln

18. July 2019
Autor: Dominik Kraatz

Ich freue mich, unsere Interviewreihe „Stil“ mit Szabolcs Soti fortsetzen zu dürfen! Szab ist Architekt und Gründer von bim-visual. Ich kenne ihn bereits von einer Netzwerkveranstaltung zum Thema BIM. In Augsburg hatte ich jetzt Gelegenheit, mehr über seine Ansätze und seine Arbeit zu erfahren.

Szab, erzähl doch mal kurz in ein paar Sätzen etwas über dich.

Ich habe vor ca. 25 Jahren mit meinem Studium begonnen und bin seit 20 Jahren Architekt.  In dieser Zeit habe ich hauptsächlich klassische Architektur gemacht – exklusive Wohnhäuser, größere Mehrfamilienhäuser, Verwaltungsbauten und noch größere Projekte. Die Bandbreite über alle Leistungsphasen des Portfolios ist also relativ komplett. Neben dem großen Erfahrungsschatz was man alles richtig machen muss, weiß ich aber auch vieles was falsch gemacht werden kann.

Eigentlich seit Beginn meines Studiums interresiert mich der digitale Aspekt am Architekt sein, seit ca. fünf Jahren Thema BIM und wie man es vorantreibt. Darauf bin ich nicht zuletzt durch Teilnahme an internationalen und übergeordneten Symposien und Konferenzen aufmerksam geworden. Ich habe mir überlegt: Was passiert eigentlich in Deutschland in dieser Hinsicht? Anfangs eher wenig koordineirt, mehr je nach Stand des jeweiligen Architekturbüros, aber wir sind hier, auch dank Verbänden und der Möglichekiten im Softwarebereich auf einem guten und interessanten Weg.

Was hat dich denn damals dazu bewegt, Architekt zu werden?

Zunächst habe ich eine Ausbildung als Maschinenbauzeichner gemacht. Mich hat dabei der technische Aspekt vorangetrieben. Maschinenbau ist schon speziell, mann muss es mögen, ist jedoch ein ganz anderes Feld als Architektur. Schließlich bin in Richtung Ladenbau gegangen, habe es eine Weile lang betrieben um letztlich festzustellen: Eigentlich verbindet die Architektur am besten das, was ich will: Neue, spannende Projekte umzusetzen, die anfangs nicht standardisiert waren. Jedes Bauvorhaben ist im Grunde genommen was Eigenes. Trotzdem muss man aber doch auch in gewissem Maße technisch rangehen. Der Entwurf alleine ist die eine Seite, ich muss ihn aber auch umsetzen können. Somit habe ich bei der Architektur optimalerweise für mich entdecken können wie beides am besten verbunden werden kann und dann auch final weiterverfolgt.

Welche Philosophie hast du mit deinem Büro vertreten?

Im Laufe der Jahre habe ich durch das Arbeiten in Büros gelernt, dass es eigentlich viele Philosophien gibt, also z.B. die Arbeitsphilosophie oder auch die Architekturphilosophie. Letztere scheint den meisten die wichigste zu sein, wobei oft ein Stil im Fokus stand. Aber es ist eben nicht nur eine Stilfrage. Vielmehr geht es auch darum, wie man ein Projekt für einen Auftraggeber abwickelt. Es ist interessant zu sehen, wie viele Büros das völlig unterschiedlich handhaben. Eine Frage der Philosophie war für mich also eigentlich schon immer auch: Wie wickele ich ein Projekt ab? Ich darf zwar entwerfen, muss es im Endeffekt aber auch durchgängig umsetzen können, um, zum einen, für mich auch wirtschaftlich zu sein wenn ich ein gutes Konzept realisieren möchte und zum anderen die Ziele des Auftragsgebers erfüllen. Dabei spielte das Thema Digitalisierung schon sehr früh eine Rolle. In der Anfangszeit hat mich am meisten gestört, dass Projekte analog abgewickelt wurden. Ich war es damals bereits vom Maschienbau gewohnt 3D zuplanen und dabei mehr als nur eine Ansammlung von Strichen zu verwalten. Nicht, dass digital das Allheilmittel war, aber damals wurden in der Architektur diese Möglichkeiten quasi nicht genutzt.

Und welche Philosophie vertrittst du als Unternehmer?

Also, was uns als Geschäftsleute ausmacht, ist eine positive innere Unruhe die uns antreibt. Wir sind quasi im inneren Konflikt und fragen uns ständig: Wie kann man z.B. einen bestimmten Prozess verbessern? Dabei unterscheiden wir uns von denen die alles in Frage stellen, wir jedoch hinterfragen Dinge. Das ist der entscheidende Punkt: Wir beschäftigen uns auch über unseren Horizont hinaus mit anderen Dingen und sehen dadurch mehr die Zusammenhänge. Diese Sichtweise kostet Zeit, aber das ist sie wert. Man kann sich entweder Ziele setzen und erreichen oder nur dem folgen, was vorgegeben ist. Wir sind also konstant lern- und entwicklungsfähig „geblieben“. Das fängt schon im Studium an etwa unpopuläre Entscheidungen zu treffen und etwas anders zu machen als vielleicht zunächst rigide vorgegeben.
Wenn nur ein bisschen von unserem Enthusiasmus auch bei anderen ankommt, dann haben wir schon mit unserer Arbeit und unserem Wissen einen Wert geschaffen.

Wie bist du denn mit deinem Büro dahin gekommen, wo du heute stehst?

Wie gesagt, der Fokus liegt bei mir und meinem Büro ja mittlerweile auch auf BIM. Das Thema kam mir auf jeden Fall entgegen, weil es meinen Ansatz einer prozessorientierten Arbeit unterstützt. Es ist auch gut, dass sich da Akteure zusammentun, und nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht. Also, BIM-Dienstleistungen haben sich neben der Architektur auf jeden Fall als Standbein herauskristallisiert. Wir beraten und bringen das Thema BIM an den Markt und in die Öffentlichkeit. Letztlich geht es darum, nicht nur bessere Architektur zu machen, sondern einfach die Architektur auch professioneller abzuwickeln.

Das Thema BIM finde ich sehr spannend, darüber haben wir uns ja auch kennengelernt. Erzähle doch mal ein bisschen, was genau du mit deiner Firma bim-visual machst.

Wie gesagt, im Kern bieten wir Dienstleistungen rund um das Thema BIM an. Im Grunde fängt es mit „Little BIM“ an, das ist ein Fachbegriff mittlerweile. Hier geht es um Prozesse innerhalb eines Büros, sowohl im internen Bereich als auch im Umgang mit Kunden. Viele zeichnen ja immer noch 2D, und wir zeigen ihnen beispielsweise Möglichkeiten auf, wie man mit einer 3D-Modell basierten Planung einfach gewinnbringender Arbeiten kann. Das nächste Thema umfasst natürlich auch Ausschreibungen: Wie kann ich aus 3D-Daten ein Konstrukt entwickeln, das ich für die AVA verwenden kann? Auch da gibt es Möglichkeiten, die wir gerne zeigen.

Und nicht zuletzt sind wir auch bei „Big BIM“ dabei. Hier geht es um Kollaborationen verschiedener Büros, entweder verschiedene Architekturbüros untereinander, aber auch Fachplaner die mit Architekten zusammenarbeiten. Dabei wird es dann natürlich schon komplexer, denn beinahe jeder arbeitet hier auf einer anderen Software – das nächste Stichwort lautet dann „Open BIM“. Diese unterschiedlichen Programme zusammenzubringen, ist natürlich eine eigene Aufgabe. Zwar haben wir mit dem IFC-Format eine Schnittstelle, aber um dieses geht es nicht alleine. Vielmehr muss der gesamte Prozess geregelt sein. So müssen beispielsweise Ablaufpläne aufgestellt oder Kollisionsprüfungen durchgeführt werden. Wir koordinieren also auch Prozesse und führen Dinge zusammen. Das klingt jetzt zugegebenermaßen sehr trocken und hat mit der Eingangs erwähnten Architekturphilosophie fast gar nichts mehr zu tun. Aber in der Dienstleistung Prozesse zusammenzubringen, sehen wir neben der Architektur einen Schwerpunkt.

bim-visual ist also eher eine Art BIM Consulting mit Coaching. Das heißt, ihr führt Architekten/ Planer in diesen Prozess BIM ein, aber prinzipiell basiert dieser Prozess ja auf unendlich vielen Programmen. Wie selektiert ihr für die Architekten die richtigen Programme?

Natürlich geht es um eine Vielzahl von Programmen, aber der eigentliche Hintergrund dabei  ist es, den richtigen Workflow zu finden. Hier gibt es sogenannte Anwendungsfälle, die teilweise mit den Leistungsphasen vergleichbar sind. Dabei muss man schauen, welche Software für welchen Fall am besten geeignet ist. Wenn wir jetzt bei dem Thema „Open BIM“ bleiben, sollte es natürlich eine für den „Open BIM“-Prozess zertifizierte Software sein. Momentan sind wir beispielsweise im sehr „hohen“ BIM-Bereich mit mehr als zehn Projektbeteiligten unterwegs. Da bringt jeder seine eigene Software mit ein, und dann müssen wir schauen: Was kann die jeweils, und wo sind da die Schnittstellen, müssen wir diese evtl. anpassen? Was eine Software jetzt im Einzelnen leistet, ist aber weniger die Frage. Vielmehr muss man diesen Workflow, abgestimmt auf die Anwendungsfälle, mit mehreren Playern koordinieren, nur dann kann es auch wirtschaftlich werden. Das ist unsere Aufgabe.

Wie beurteilst du denn aktuell verfügbare Software?

Also bei der gängigen CAD-Software gibt es eine handvoll signifikante Global Player die hier meiner Meinung schon sehr gut aufgestellt sind. Ein Problem sehe ich eher im Bereich des Themas IFC, denn alle müssen ihre Software natürlich dahingehend weiter optimieren. Selbst das Format IFC wird sich noch weiter entwickeln und verändern. Wir sind momentan bei der Version 2x3 und 4 steht schon an. Das heißt, die Digitalisierung schreitet oft schneller voran als gewünscht. Gefühlt muss IFC also mal einen Stand erreichen, klare Vorgaben machen, dem die Softwareindustrie nicht mehr kontinuierlich hinterherarbeiten muss. Da sind bei allen noch ein paar Baustellen abzuschließen...

Du hast jetzt schon viele Stichworte wie Digitalisierung und BIM genannt. Fasse doch für uns bitte noch einmal zusammen, mit welchen Herausforderungen Architekten heutzutage sonst noch so zu kämpfen haben.

Das ist natürlich die Digitalisierung, für die meisten ein Schreckwort. Handy, Tablet und Co. sollten nach Feierabend auch gerne ausbleiben, aber wenn wir das professionell denken, ist die Technologie eben auch aus dem Alltag nicht mehr weg zudenken. Die Digitalisierung scheint für uns ein Mehraufwand, aber sie treibt uns natürlich auch voran. Auch ein Architekt muss dabei mitmachen: Es geht um Orgathemen, um die Digitalisierung im eigenen Büro und den Umgang mit immer mehr Stakeholdern, die natürlich auch ihre Informationen wollen.
Ich muss mein Team auf Digital einstellen, auch dass es dann als Team noch funktioniert, da steht allen noch ein Wandel bevor. Ich muss natürlich nicht von heute auf morgen vollständig digital sein, aber ich muss mich dem Thema öffnen und Prozesse schrittweise angehen. Für Architekturbüros ist es schon eine große Frage, wie einen Einstieg zu finden. Aber das ist lösbar, und wenn man das nicht tut, z.B. bei BIM, übernehmen es wieder andere – ein klassischer Projektsteuerer vielleicht. Und gerade die Möglichkeiten dieser Arbeitsweise zeigen doch, dass die Kompetenzen wieder mehr auf unserer Seite, den Planern liegen können/sollen, weil es ja Zahlen und Termin letztlich von der Planung abhängen. Wirtschaftlich können wir wahrscheinlich nur werden, wenn wir uns der digitalen Zukunft stellen.
Zudem reden wir derzeit von noch nicht endgültig standartisierten nationalen Normen, welche aber absehbar sind und im weiteren von einer zukünftig möglichen standartisierten, internationalen Zusammenarbeit. D.h. neben der schönen Architekturphilosophie muss ein Architekt heutzutage auch verfolgen wie sich seine technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen dabei verändern und sich hier auch auf dem Laufenden halten um sich rechtzeitig darauf einstellen zu können.

Was muss denn eine Software in Zukunft können, damit sie gezielt die Architekten erreicht, die jetzt vielleicht noch nicht BIM anwenden?

Sehr gute Frage! Für Architekten sollten Möglichkeiten bestehen, Gebäude welcher Art auch immer, zuerst einmal einfach und schnell visualisieren zu können. Das sollte eine Software im ersten Schritt grundsätzlich nachvollziehbar leisten können. Wenn die eigene CAD-Software das nicht kann oder der Weg dazu umständlich ist, kann man durchaus ergänzend eine weitere, einfache Software nutzen. Ideal ist meiner Meinung nach eine Plattform mit Login, einfachen Prozessen und guten Schnittstellen wie IFC. Dort sollte man zudem das Modell hochladen und letztlich auch mit anderen Planungsbeteiligten teilen können. Also, wenn ein Kunde neben dem Plan ein Modell per Browser am Rechner, am Tablet oder auf einem größeren Handy selber durchgehen kann, dann hat er auch schon unheimlich viel Unterstützung in seiner Kommunikation mit dem Architekten. Es bindet sogar den Architekten mit dem Stakeholder, weil letzter sich so viele Gedanken ohne Modell oft gar nicht leisten kann und will. Wir können also bereits mit einem Modell letztlich schon etwas Greifbares vorzeigen, ein ganz wichtiger Aspekt. Der Schritt zum i im BIM ist dann schon in greifbarer Nähe.  

Eine abschließende Frage meinerseits: Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Ich würde ihm raten: Sei noch mutiger! Schon damals im Studium hatte ich Ideen zur Prozessoptimierung und Digitalisierung, nur die Möglichkeiten gab es noch nicht wirklich. Bis zum Ende der 90er war das im Bereich Architektur so gut wie kein Thema. So habe ich mir allzuoft einreden lassen: Tu´s nicht, das will keiner haben etc...“ Oft fehlte mir der Mut zu sagen: Mache es trotzdem! Den Willen dazu hatte ich eigentlich immer, trotzdem musste ich gefühlt fast 20 Jahre warten, bis ich dieses Thema und den Erfahrungsschatz zusammen mit anderen letztlich umsetzen und auch weitergeben kann. Darauf bin ich heute stolz, und ich würde sagen: Mein jüngeres Ich hat zumindest durchgehalten ;-).  

Genau das würde ich auch unseren Lesern raten: Setzt euch Ziele, seid euch von Anfang an klar darüber, in welche Richtung ihr wollt. Es ist völlig egal, was jemand von euch erwartet – ihr müsst das machen, hinter dem ihr auch steht und das euch zufrieden macht.

Danke für deine Zeit und das klasse Interview.


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